Leben mit Multiplem Myelom „Ein Optimist trotz allem“

Jeden Tag erhält ein Schweizer die Diagnose Multiples Myelom. Herbert Hänni, 57, erging es so. Der Basler Gymnasiallehrer lebt seit zehn Jahren mit dieser heimtückischen Krebserkrankung.

Man sieht es ihm nicht an. Herbert Hänni hinterlässt alles andere als einen leidenden, kranken Eindruck. «Es geht mir gut», sagt der Basler Gymnasiallehrer und lächelt entspannt. Er erzählt von Griechenland, wo es ihn die letzten Jahre mit seiner Familie immer wieder hinzog, und von seinen Zukunftsplänen – von einem Leben, das er so nie haben sollte. Denn vor zehn Jahren prophezeiten ihm Ärzte, dass er bloss noch ein paar Wochen zu leben habe.

Multiples Myelom lautete die Diagnose. Eine Magnetresonanz-Tomografie und Bluttests erhärteten diesen schlimmen Verdacht. Hänni litt damals unter fürchterlichen Rückenschmerzen, ein typisches Anzeichen. «Ich wollte nicht sterben», erzählt er, «ich setzte mir zum Ziel, so lange zu überleben, bis unsere beiden Söhne die Schule hinter sich hatten.»

Hänni las alles über sein Leiden, was er finden konnte. Er erfuhr, dass es sich um eine bösartige,  unberechenbare Erkrankung des Immunsystems handelt, eine Art Knochenmark-Krebs. Da stand auch schwarz auf weiss, dass er mit 47 Jahren zu den eher seltenen Fällen gehörte. Meistens sind Menschen zwischen 60 und 65 Jahren betroffen, Männer etwas häufiger als Frauen. Rund 42’000 Neuerkrankungen erfassen Statistiker in Europa jährlich, eine pro Tag in der Schweiz.

Die Ursachen sind weitgehend unbekannt. «Das Multiple Myelom entsteht oft durch einen genetischen Defekt, der während der normalen Teilung bestimmter Immunzellen plötzlich auftreten kann», erklärt Prof. Driessen, Leiter des Labors für Experimentelle Onkologie am Kantonsspital St. Gallen. «Früher lebten die Patienten nach der Diagnose durchschnittlich zwei bis drei Jahre, heute können sie dank modernster Therapien sieben Jahre und mehr überleben.» Der Onkologe kennt Betroffene, die seit 15 Jahren gegen diesen Krebs kämpfen.

Herbert Hänni hat harte Jahre mit höchstdosierten Chemotherapien und drei Stammzellen-Transplantationen hinter sich. Die ersten beiden Operationen mit eigenen Stammzellen scheiterten. Erst die dritte mit Zellen eines Fremdspenders brachte den ersehnten Erfolg, obwohl sein Körper heftig dagegen reagierte. Hänni war öfter im Spital als zu Hause, manchmal verbrachte er Wochen in einem Isolierzimmer. Bis zu dreissig Tabletten musste er täglich schlucken, heute sind es noch acht. «Prof. Alois Gratwohl vom Universitätsspital Basel hat mir immer Mut gemacht», erzählt Hänni. «Der modernen Medizin verdanke ich mein Leben.» Auch der Unterstützung seiner 53-jährigen Ehefrau, die am selben Gymnasium unterrichtet. Hänni: «Susi war immer stark.»

Durch die Krankheit und die Behandlung landete der Turnlehrer und engagierte Sportler für kurze Zeit im Rollstuhl. Er rappelte sich wieder auf, lernte erneut laufen, indem er sich mit kleinen Schritten die Treppen hochzog, jeden Tag ein paar Stufen mehr. «Einmal musste ich sogar ein Gipskorsett tragen, man befürchtete, dass meine geschädigte Wirbelsäule unter der Last des Körpers zusammenbrechen könnte.» Mit Krafttraining baute er seine geschwächte Muskulatur wieder auf.

«Eine typische Folge des Multiplen Myeloms ist ein extremer Knochenabbau», sagt Prof. Driessen. «Die Krankheit kann aber auch die Nieren oder die Nerven angreifen. Gewisse Medikamente verstärken diese Symptome noch. Das kann zu Gefühlsstörungen und Lähmungen in Händen und Füssen führen.» Auch Hänni hat diese Arznei genommen. Inzwischen sind die Lähmungen wieder verschwunden. Er hatte Glück. Doch Turnunterricht kann er nie mehr geben. Auch auf Volleyball und Tennis muss er verzichten, Skifahren und Schwimmen gehen dagegen noch.

Der Basler Familienvater ist trotz allem Optimist geblieben. «Ohne positives Denken hält man eine solche Krankheit nicht durch», ist er überzeugt. Sohn Stefan ist inzwischen 22 Jahre alt und studiert Jus, Reto, 18, steht kurz vor der Matura. Bis beide ihre Ausbildung hinter sich haben, müsste Hänni theoretisch noch fünf Jahre überleben. «Ich hoffe, es wird viel länger sein», sagt er. «Ich habe mir ein neues Ziel gesetzt: mit meiner Familie möglichst lange ohne Beschwerden wieder ein ganz normales Leben zu führen.»

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